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Wagners Szenen historisch in Szene gesetzt
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Die Szene als Modell (Broschiert) Zu der Ausstellung in der markgräflichen Oper ist auch ein umfangreicher Text- und Bildband erschienen, der in verschiedenen Aufsätzen die Entwicklung der Bühnenbilder von 1876 bis 2000 darstellt, die seit 1951 deutlich vom jeweiligen Zeitgeist bestimmt sind. Die Dokumentation wurde von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern herausgegeben.
In Bayern sind von mehr als 1.250 Museen und Sammlungen über 1.100 in nichtstaatlicher Trägerschaft. Die Landesstelle ist beim Landesamt für Denkmalpflege angesiedelt und betreut, fördert und berät diese Museen.
Sie gibt auch die Reihe Bayerische Museen" heraus, die inzwischen 30 Bände umfasst und sich themenorientiert mit besonders interessanten Sammlungen befasst und damit tiefergehende Informationen bieten möchte.
Gleich fünf Grußworte, vom Oberbürgermeister von Bayreuth bis zum Leiter der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, sind den Beiträgen des Bandes vorangestellt, der nicht nur die Bühnenbildmodelle und deren Restaurierung dokumentiert, sondern gleichzeitig auch eine wertvolle Gesamtdarstellung der Aufführungsgeschichte des Rings" bei den Bayreuther Festspielen von 1876 bis 2000 liefert.
Das Buch Die Szene als Modell" ist kein Katalog im herkömmlichen Sinne; es enthält Beiträge zur Konservierung und Restaurierung der Bühnenbildmodelle und soll vor allem in der Phase der Neukonzeption der Ausstellung des Richard-Wagner-Museums den Zugang zu diesen einzigartigen Werken der Bühnenkunst ermöglichen."
Die Einführung stammt von dem seit 1993 als wissenschaftlicher Leiter der Richard-Wagner-Stiftung tätigen Direktor des Richard-Wagner-Museums Bayreuth Dr. Sven Friedrich. Der 1963 geborene Theaterwissenschaftler und Germanist ist durch zahlreiche Vorträge und Publikationen hinlänglich bekannt; unter anderem ist er Herausgeber der CD-ROM-Edition Richard Wagner".
Er beschreibt die Bedeutung des Bühnenbildes, das Wagner selbst im Kontext seiner Idee des ,Gesamtkunstwerks' nicht als autonome ästhetische Erscheinung, sondern als ,schweigend ermöglichenden Hintergrund' bezeichnete." Im 19. Jahrhundert hatte die Theaterdekoration eine rein illustrierende Funktion" und war gleichwohl ein das Theaterkunstwerk maßgeblich bestimmendes Element".
So ist an den Modellen die Entwicklung des Bühnenbildes und der Bühnentechnik exemplarisch ablesbar: sie mündet - von der barocken Kulissenbühne" über den historistischen Naturalismus des 19. Jahrhunderts - in die postmoderne Spielbühne" von heute. Friedrich sieht in dieser Postmoderne eine Konstruktion, die collagierend, synkretistisch, assoziativ und/oder zitierend verschiedenartigste historische, typologische oder stilistischer Versatzstücke kombiniert", so dass sich überraschende wie verstörende Verweisungszusammenhänge" ergeben. Wagner selbst wollte Ideen-Räume mit einer bezwingenden Illusionskraft".
Für die Übergänge von Ideen über Skizzen und Entwürfe zum eigentlichen dreidimensionalen Bühnenbild ist die Erprobung im Modell unabdingbar. Diese Modelle waren Anschauungs- und Arbeitsmodelle. Vielfach wurden diese nach Gebrauch" vernichtet, einige blieben aber zum Glück erhalten.
Friedrich beschreibt die Detailtreue und Kunstfertigkeit einzelner Exemplare und den Aufbau des umfangreichen Modell-Archivs, das zum Teil aus Nachlässen der ehemaligen Bühnenbildner zusammen getragen wurde.
Mit den bis vor kurzem verschollenen und in der Ausstellung erstmals gezeigten originalen Skizzen und Entwürfen für den ersten Bayreuther Ring 1876 vom Wiener Künstler Josef Hoffmann (1831-1904) wurde eine kunstgeschichtliche Sensation präsentiert.
Oswald Georg Bauer beschreibt in seinem reich bebilderten Beitrag sehr anschaulich die Gratwanderung, die Hoffmann, wie wohl jeder Bühnenbildner, nach den vom Autor in allen Details vorgeschriebenen Schauplatz gehen musste: Reinster Idealismus und unzulängliche Realisierung".
Hoffmann war ausgebildeter Landschaftsmaler und durch mehrere Ausstattungen aufgefallen. Als kritischer Kopf klagte er über die Missstände im Dekorationswesen" und schlug eine Reform der Dekoration durch die Einführung von dreidimensional gebauten Bildern anstelle der flachen, perspektivisch gemalten Leinwandbahnen" vor.
Wagner wandte sich an ihn, weil er auf seine besonderen Leistungen aufmerksam gemacht wurde, ,deren Charakter' dem von ihm ,Geforderten bereits sehr nahe gekommen scheint'". Zwischen Wagner, seinem Bühnentechniker Carl Brandt und Hoffmann kam es, da letzterer wohl als sehr selbstbewusst, als autokratisch und leicht erregbar geschildert wird", zu heftigen Auseinandersetzungen und zum unvermeidlichen Konflikt - dennoch hat er das Künstlertum Hoffmanns (...) immer anerkannt".
Insgesamt fertigte Hoffmann 14 Entwürfe für die zwölf verschiedenen Schauplätze, die Wagner vorschrieb. Bauer beschreibt seine akribische Suche nach Fotos, Beschreibungen und Originalen. Er nahm die zwischenzeitlich verlorene Spur immer wieder auf und fand die Ölskizzen endgültig zum Jahresende 2005 im Münchener Kunsthandel, bis sie schließlich für das Museum in Wahnfried erworben werden konnten.
So fand er heraus, dass Hoffmann 1878 und 1885 für König Ludwig II. zwei verschiedene Serien von Illustrationen zum Ring des Nibelungen" gemalt hat. Im Königshaus am Schachen haben sich acht Schwarzweiß-Fotografien erhalten - die Originale sind wohl verschollen. Der König habe auch die komplette Serie der kleinen Ölskizzen erwerben wollen, aber es scheint nicht zu einem Ankauf gekommen zu sein".
Interessanterweise fand Bauer heraus, dass Geo Ehni aus Stuttgart, der ja zahlreiche Gegenstände des Königs nach dessen Tod aufkaufte, auch Hoffmanns Bilder übernommen hatte. Da diese aber nicht in dem Auktionskatalog von 1888 genannt werden, müssen sie schon vor der Auktion veräußert worden sein.
Über die Restaurierung der Bühnenbildmodell-Sammlung aus technischer Sicht schreibt der studierte Restaurator Peter Axer im zweiten Beitrag. Er beschreibt - nach einer ausführlichen Vorstellung der Sammlung - die Schäden, die als Folgen jahrzehntelanger ungeschützter Präsentation und Aufbewahrung" entstanden sind. Dabei geht er sehr detailliert auf den Erhaltungszustand der Modelle und das Restaurierungskonzept ein.
Da die Umsetzung Wagners szenischer Vorgaben immer auch ein Abbild der jeweiligen Zeit ist, werden der Wechselwirkung des Ring" mit seinem zeitgeschichtlichem, sozialen und politischen Umfeld und dessen Rahmenbedingungen" zwei Kapitel gewidmet.
Im ersten Teil schildert Sven Friedrich Szene und Zeitgeist" des Ring" in Bayreuth von 1876 bis 1945. Diesen Zeitraum unterteilt er in vier Epochen: I. Die Ära Richard Wagner (1876-1882), II. Die Ära Cosima Wagner (1883-1906), III. Die Ära Siegfried Wagner (1908-1930) und IV. Die Ära Winifred Wagner (1930-1945).
Sehr spannend ist hier die Entwicklung von der ersten Idee der Wahl eines Ortes für die Aufführung in der schönen Einöde, fern von dem Qualm und dem Industrie-Pestgeruche" über den Entschluss König Ludwigs, in München ein Wagner-Theater bauen zu lassen, der bekanntermaßen zu der vom bayerischen Kabinett erzwungenen Ausweisung Wagners führte bis zur Wahl des Standorts Bayreuth.
Das Projekt Festspiel Bayreuth" machte jedenfalls enorme Verluste und Wagner selbst erlebte keine weiteren Festspiele in Bayreuth. Der gesamte Fundus wurde verkauft; der nächste Bayreuther Ring fand 1896 statt. Friedrich schreibt über die Kulissen: trotz allem Erfindungsreichtums (...) stieß die barocke Kulissenbühne des 19. Jahrhunderts (...) angesichts der im eigentlichen Sinne ,filmischen' Szene Wagners mit ihrer Dynamik, ihrer Überblendoptik, ihren Fahrten, Schnitten und Spezialeffekten an ihre natürlichen Grenzen."
König Ludwig II. von Bayern und Richard Wagner verzweifelten an ihrem gemeinsamen, nicht zu bändigen Verlangen: dem Diktum Alles echt!". Nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!", so zitierte Cosima in ihren Tagebüchern Wagner 1878. Vielleicht hat Ludwig dies auch für sich als Maßstab übernommen.
Sven Friedrich beschreibt sehr schön auch das zeitgenössische Verständnis, vor allem als nationalen Stoff des germanischen Mythos (...). Die Figur Siegfried wurde vor allem als heroische Erscheinung eines ,ur- und kerndeutschen' Menschentypus' wahrgenommen." Ein gänzlich entgegengesetztes Identitätsgefühl als das des bayerischen Königs.
Der damalige Festspielgast entstammte - so fand Friedrich heraus - den ersten Familien des europäischen Adels, den restaurativen, monarchistischen, antidemokratischen Kräften des Deutschen Reiches." Und damit eben nicht dem Kreis, den Wagner mit seinem Humanpathos und seiner romantischen Welterlösungs-Utopie gerade als Infragestellung preußischer ,Leitkultur' und ihres Geistes" ansprechen wollte. Es ist somit mehr als verständlich, dass Ludwig bei den Festspielen nur die Generalproben besuchte und dann abreiste.
Richard Wagner erlebte ja nur zwei Festspiele in Bayreuth: neben dem Ring" von 1876 dann im Jahre 1882 die Uraufführung des Parsifal". Mit Wagners Tod 1883 starb der avantgardistisch-revolutionäre Teil des Bayreuther Geistes". Friedrich beschreibt Wagner doch recht treffend weiter als revolutionären Wolf im... Lesen Sie weiter... ›
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 3. Januar 2007
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