Betrogen und vergessen: Die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner
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Die Rezension von Dr. Catharine Herwartz ("Vergebene Chance") zu Richard Bachmanns "Betrogen und vergessen" ist ein Musterbeispiel für ein unkritisches Geschmacksurteil. Persönliche Vorlieben, verschwommen etikettiert als "anspruchsvolle Literatur", ersparen die Auseinandersetzung mit einem Text, der formal und inhaltlich diese Vorlieben nicht bedient.

Es ist längst schon Mode geworden, bei der Beurteilung von Literatur rein subjektiv-impressionistisch zu verfahren: Das Thema behagt nicht, also wird das Buch in Bausch und Bogen verworfen. Man ist nicht im Text, sondern immer schon über ihn hinaus. Da nimmt es nicht wunder, dass nur die Oberfläche gesehen und dementsprechend oberflächlich geurteilt wird.

Es gehört zum grundlegenden Handwerkszeug literarischer Kritik, Unterschiede wahrzunehmen. Nichts anderes bedeutet das griechische Wort "Kritik" - Unterscheidungsvermögen. Bei der kritischen Auseinandersetzung mit Literatur ist deshalb immer die erste Frage, was das Thema des Buches ist. Was das Buch ankündigt und will. Und dann die zweite Frage: Wird diese Ankündigung eingelöst, wird das selbst gestellte Thema gut oder schlecht umgesetzt?

Der amerikanische Romancier und Literaturkritiker Henry James hat das einmal so formuliert: "Man muss jedem Autor seine Prämissen zugestehen."

So bleibt es mir als privater Leser zwar überlassen, rein subjektiv zu sagen: Adalbert Stifter ist todlangweilig. Endlose Landschaftsbeschreibungen und traditionelles Dorfleben - das ödet mich an. Doch ganz etwas anderes ist es, als Kritiker an die Öffentlichkeit zu treten: Da muss ich zugeben, dass Stifters zeitlupenhafte Wahrnehmung von Landschaft und Menschen gewollt und beabsichtigt ist. Und zwar als Gegenbild gegen Modernisierung und städtisches Erwerbsleben. Gemessen an der Voraussetzung, an der Prämisse seines Schreibens - nur dies darf mich als Kritiker interessieren - hat er sein Vorhaben sprachlich exzellent verwirklicht. Er gefällt mir nicht. Aber er ist trotzdem ein sehr guter Autor.

Frau Doktor Herwartz hat unkritisch geurteilt, da sie die Voraussetzung des Buchs nicht zur Kenntnis nimmt: "Betrogen und vergessen" ist eine Darstellung der alltäglichen Lebenswelt von Kriegskindern aus einfachen sozialen Verhältnissen. Es handelt von ihrem Werdegang, von ihren Schäden und Traumata, von ihrer lebenslangen Benachteiligung auch und gerade hinsichtlich der Bildungschancen. Das Buch schließt außerdem eine sozialhistorische Lücke, indem es das Leben der sogenannten kleinen Leute in der Zeit des Zweiten Weltkriegs für das Gedächtnis künftiger Generationen aufbewahrt: "Genau so ist es gewesen!", dieses Lob von Angehörigen seiner Generation - und seiner sozialen Herkunft - ist dem Autor schon oft gezollt worden. Letztlich wohl aus dem Bewusstsein, dass die einfachen Familien von der Geschichtsschreibung gewöhnlich vernachlässigt werden.

Unter diesen Voraussetzungen einen literarisch ausgefeilten Stil, brillante Metaphern und sprühende Aphorismen zu erwarten, ist unangemessen. Bei dem gründlichen und umfangreichen Lektorat des Buches kam es ganz im Gegenteil darauf an, die natürliche und ungekünstelte Erzählhaltung des Autors zu bewahren. Den Autor gerade nicht "literarisch" raffiniert werden zu lassen. Und den naiven Ton genau zu treffen, war weitaus schwieriger, als so manche "anspruchsvollen" Texte zu redigieren. Die sind ja nach konventionellen Strukturmustern ganz überlegt aufgebaut. Und als Literaturwissenschaftler weiß ich, dass die viel leichter zu steuern und zu redigieren sind. Etwas ganz anderes aber ist ein Autor, der mit dem Anliegen kommt, seiner Generation eine öffentliche Stimme zu geben, indem er möglichst authentisch und anspruchslos erzählt, was er erlebt hat.

Bei diesem biographischen Vorhaben ist Richard Bachmann übrigens viel redlicher vorgegangen als so manche Promis, die selbstbewusst in der Ich-Form schreiben bzw. schreiben lassen. Was herauskommt, ist meistens eine Orgie der Selbstrechtfertigung, die mehr Dichtung als Wahrheit enthält.

Richard Bachmann wählte den umgekehrten Weg: Er schrieb seine eigene Biographie von vornherein als eine erfundene Biographie. Indem er sein Leben in die Fiktion des Reinhard Bachner verkleidete, vermied er das Gestänkere um einzelne Fakten. Er gewann mit der Erfindung dieser Figur die notwendige Distanz zum Erinnern und Darstellen all dessen, was er einst allzu hautnah erfahren hatte. Und gerade dadurch, dass er eine Fiktion schrieb, ist er der Wahrheit oft näher als viele Autobiographen. Ihre Befangenheit in der sogenannten Wirklichkeit führt zu Verzerrungen, die viel fiktiver sind als jede Fiktion.

Für einen literarischen Debütanten ist das ganz schön raffiniert und anspruchsvoll. Doch was heißt überhaupt literarischer Anspruch? Nach der Lesart von Frau Doktor Herwartz heißt Anspruch letztlich Reizbarkeit und Empfänglichkeit für kultivierte Sprachkunst, die aber sozial das Bildungsbürgertum oder doch soziale Bildungsmöglichkeiten voraussetzt. Wer "Betrogen und vergessen" wirklich gelesen hat, weiß aber, dass dieser soziale Standard gerade für besagte Kriegskinder unerreichbar war. Der einfache Stil des Erzählers ist der beste Beleg dafür. Nach akademischen Standards mag er als "plump-naiv" abgewertet werden.

Nach akademischen, nicht aber nach literarischen Standards. Dort hatte die volksnahe Literatur stets ihren Platz. Vor allem auch das Naive, das schon Schiller ästhetisch dem "Sentimentalischen" entgegenstellte. Naiv und unverstellt ist in der Tat die geradlinige Darstellung des Autors, der historisch erinnern und festhalten will. Kurz vor der Vertreibung aus der Heimat schildert er den Zustand der Familie Bachner wie folgt:

Zitat
Zu Hause angekommen, fand er die Stube voller Leute. Es wurde alles noch mal besprochen. Vor allem, wie man sich gegenseitig helfen und unterstützen konnte. Dann gingen sie mit den bedeutungsvollen Worten "Bis morgen am Lastwagen" auseinander. Jeder hatte noch irgendetwas zu tun oder nahm Abschied von Plätzen und Dingen, die in vielen Jahren eine besondere Bedeutung gewonnen hatten. Rosi Bachner hatte alle Hände voll zu tun, um das Allernotwendigste für die kleine Ingeborg mitzunehmen. Auf Erfahrungswerte konnte sie nicht zurückgreifen. Dieses Mal war alles ganz anders als damals, wo man für kurze Zeit nach Klattau vor den Nazis geflüchtet war. Wie man morgen die Nacht verbringen würde, wusste niemand. Es konnte in einem Eisenbahnwaggon sein oder unter freiem Himmel. Die Ungewissheit, wo und wann man wieder Fuß fassen könnte und ein Dach über dem Kopf haben würde, lastete zentnerschwer auf allen Familien. (...)
Am nächsten Tag, etwa gegen 9:00 Uhr, fuhr der Lastwagen vor dem Haus der Bachners vor. Auf der Ladefläche, zusammengepfercht mit zwei weiteren Familien, fand Kurt Bachner mit seiner Familie einen Platz. Reinhard, der neben seiner Schwester Lisa saß, zog sich an der Bordwand hoch, um nach draußen zu sehen. Willi stand unter einigen uniformierten Tschechen und winkte Reinhard und Lisa zu, als sich der Lastwagen in Bewegung setzte. Das Winken des Bruders und die allerletzten Blicke auf den Heimatort haben sich mit der Schärfe eines Alptraums in das Gedächtnis von Reinhard eingebrannt. Unauslöschlich. (S. 219f.)

Das ist literarisch im besten Sinne naiv: Denn es geht um die Darstellung der überwiegenden Mehrheit von einkommensschwachen Familien zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Stil und Inhalt decken sich perfekt gerade in der anspruchslosen, aber präzise die Stimmung einfangenden Erzähler-Stimme.
Plump wäre es gewesen, hätte ich als Lektor der Versuchung nachgegeben, diesen Erzählstil mit literarisch konventioneller Bildungssprache zu verkünsteln. Das wäre ein anderes Buch geworden. Eines, wie es die Rezensentin wollte. Aber nicht der Autor.

Zur naiven Erzählerstimme gehören, durchaus bewusst, auch kursiv gesetzte Wörter. Sie sind wie ein kleines Wörterbuch aus dem Sprachgebrauch der damaligen Zeit. Sie werden im Textzusammenhang präsentiert und drücken eine besondere Betroffenheit des Erzählers aus. Ein Beispiel ist das an sich harmlose Wort "Zwischenmahlzeit":

Zitat
So schlimm wie heute war es schon lange nicht mehr gewesen. Als er die letzten Steinstufen der Treppe zur Haustür regelrecht hinaufwankte, öffnete sich die Tür und die Mutter kam ihm entgegen. Sie sah sofort, dass es ihrem Sohn schlecht ging. "Was ist los mit dir?", fragte sie erschrocken. Reinhard ließ seinen Schulranzen fallen und setzte sich auf das Holzbett. "Mir ist nicht gut, ich bin so müde und schlapp, weiß selber nicht, wovon das kommt!", antwortete er. Rosi Bachner wusste sofort, woher das kam. Als Reinhard ihr mitteilte, dass die Schulspeisung ausgefallen war, brauchte sie keine weiteren Erklärungen mehr. Sie ging zum Tisch, holte aus der Schublade den Brotlaib heraus und schnitt ein großes Stück davon ab. Dann holte sie den Rest von einem Päckchen Kunsthonig aus dem Schrank und schmierte es aufs Brot. Sie setzte sich zu Reinhard auf die Bettkante, strich ihm übers Haar und reichte ihm das Essen. Erstaunt nahm es dieser entgegen. Normalerweise gab es bis zum Abendbrot keine ZWISCHENMAHLZEIT. Obwohl Reinhard mühsam gelernt hatte, langsam zu essen, um einfach länger etwas davon zu haben, schlang er heute das Stück Brot gierig hinunter. Als er damit fertig war, legte er sich aufs Bett und ruhte etwas aus. Bevor er einschlief, sah er, wie sich die Mutter heimlich die Tränen aus den Augen wischte. (S. 359)

Das ist sehr eindringliche, naturalistisch-naive Prosa, der man die Authentizität ansieht. Wer an dem hervorgehobenen "Zwischenmahlzeit" Anstoß nimmt, der hat wahrscheinlich selbst noch zu wenig Hunger gelitten, um die Bedeutung dieses Wortes wirklich zu ermessen.

In klarer und "ergreifender" Sprache, wie es die Rezensentin einfordert, wird in "Betrogen und vergessen" ein Stück sozialer Geschichte bewahrt. Mehr wollte das Buch nicht. Und es hält, was es verspricht. Dem Leser steht es frei, das Thema nicht zu mögen. Ein Kritiker aber sollte nicht Birnen verlangen, wenn ausdrücklich Äpfel angeboten werden.

Einen guten Hinweis allerdings verdanke ich Frau Doktor Herwartz: Es wäre schon eine faszinierende Frage, was hochreflexive und hochgebildete Autoren noch mit diesem Ausschnitt der Sozialgeschichte anfangen könnten. Aber vergessen wir nicht: Ohne das Buch von Richard Bachmann hätte man gar keinen Anlass, diese Frage zu stellen. Das Niemandsland der Kriegskinder musste erst einmal von unten, in seiner ganzen harten sozialen Wirklichkeit entdeckt werden, bevor es Gegenstand von literarischer "Hochkultur" werden kann. "Betrogen und vergessen" ist ein sehr verdienstvolles Buch. "Ärgerlich" sind allenfalls Rezensionen, die mehr über die soziale Wahrnehmung des Rezensenten als über das Buch selbst verraten.

Dr. phil. Günter Bachmann




Eine Rezension von Dr. phil. Günter Bachmann >
vom 26. November 2008
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